Porsche Cayenne Transsyberia: Wie man die härteste Rallye der Welt gewinnt
Die Transsyberia-Rallye führte über 10.000 Kilometer von Europa bis nach Sibirien und galt 2006 als das härteste Rennen der Welt. Konnte der Cayenne bei den Hardcore-Geländewagen mithalten? Und warum legte Porsche eine Kleinserie mit dem Namen des Langstreckenrennens auf?
Als Porsche 2002 den Cayenne vorstellte, war der Aufschrei unter gusseisernen Fans der Marke groß: Passte der erste Viertürer, das erste Modell, das kein Sportwagen war, passte ein SUV überhaupt zu Porsche? Zwar gab der Erfolg dem Hersteller wirtschaftlich recht, aber war der Wagen nur die deutsche Version des Cadillac Escalade? Ein schicker Luxus-SUV, mit dem Helikoptereltern ihre Kinder sicher und prestigeträchtig von der KiTa abholen konnten?
Berlin-Baikalsee — das härteste Rennen
Der Porsche-Ingenieur Jürgen Kern, der für die Erprobung der ersten Cayenne-Generation zuständig war, wusste: Da geht mehr. Viel mehr! 2006 entschloss er sich, mit dem Cayenne an nichts Geringerem als der härtesten Rallye der Welt teilzunehmen, der Transsyberia. Über 10.000 Kilometer ging es in diesem Jahr von Berlin über Moskau, Novosibirsk und die Mongolei bis nach Irkutsk zum Baikalsee.
Dabei modifizierte Kern den Wagen nur geringfügig, denn die Luftfederung mit dem Offroad-Technik-Paket einschließlich Stabilisator und Quersperre gab es optional ab Werk. Der Ingenieur montierte robuste Offroad-Reifen, eine durchgehende Unterbodenverkleidung, einen Luftschnorchel mit einer Ansaugung auf Dachhöhe sowie eine Seilwinde und Zusatzscheinwerfer. Der 4,5-Liter-V8-Motor mit 340 PS des Cayenne S war ohnehin allen Anforderungen an Leistung gewachsen.
14 Tage fuhren Kern und sein Beifahrer über Schotterstraßen, durch Flüsse und vor allem querfeldein durch Steppe und Geröll. Dabei überquerten sie den Ural, das Altai-Gebirge und die Wüste Gobi. Das Rennen gewinnt der Schnellste, aber dafür muss das Fahrzeug die Offroad-Strapazen auch ohne kapitalen Schaden überstehen. Der Wagen muss also nicht nur geländegängig, kräftig und schnell sein, sondern auch extrem zuverlässig und robust.
Am Ende gewann Kerns Cayenne das Rennen und stellte damit eindrücklich die Offroad-Fähigkeiten und Verlässlichkeit des Fahrzeugs unter Beweis.
Die Rallye Transsyberia verlangte den eingesetzten Porsche Cayenne einiges ab.
Porsche will mehr
Das souveräne Abschneiden des seriennahen Cayenne S bei der Transsyberia rief das Porsche-Management auf den Plan. Man könnte an die reiche Rallye-Tradition der Marke anknüpfen und gleichzeitig den Cayenne als kompetenten Geländewagen zeigen. Mit den Erfolgen beim Extremrennen würden auch die Sportwagenfans und Kritiker des SUVs besänftigt.
Porsche entschied, eine exklusive Serie von 26 Cayenne S Transsyberia zu entwickeln. Maßgeschneidert für Langstrecken-Rallyes und als Hommage an die zahlreichen Rallye-Erfolge von 911 und 924. 2007 stand ohnehin die Modellpflege an, und auf dem facegelifteten Cayenne S mit 385 PS starkem 4,8-Liter-V8 basierte der Transsyberia.
De auf 28 Fahrzeuge limitierte Cayenne S Transsyberia fällt durch die orangefarbenen Akzente und Felgen auf.
Das Modell besaß eine kürzere Achsübersetzung für bessere Beschleunigung. Hinzu kamen Verstärkungen des Unterbodens. Zudem waren Karosserie und Türen bis zur Höhe der Seitenfenster gegen Wassereintritt abgedichtet, was in der höchsten Stufe der Luftfederung eine Wattiefe von etwa 75 Zentimetern ermöglichte. Die Luftansaugung des Motors erfolgte über einen Schnorchel auf Dachhöhe. Verstärkte vordere Querlenker ließen die Spurweite um 34 Millimeter wachsen, und die 18-Zoll-Räder rollten auf grobstolligen Geländereifen der Dimension 255/55 R18T.
Ein Dachträger für Ersatzreifen und Zusatzscheinwerfer kam hinzu, und aus Sicherheitsgründen wurde ein Überrollkäfig verbaut. Auch die Optik kam nicht zu kurz: Die schwarze Lackierung mit orangefarbenen Akzenten und Felgen sorgte dafür, dass der Transsyberia im Gelände und auf Fotos auffiel. Auf dem seitlichen orangen Streifen war der Modellname Cayenne S Transsyberia zu lesen.
Im Innenraum des Cayenne S Transsyberia sorgen Überrollkäfig und Schalensitze mit Sechspunktgurten für Rennfeeling.
2007 nahmen mehrere private Teams mit diesem Wagen bei der über 6.200 Kilometer langen Ausgabe der Transsyberia von Moskau nach Ulaanbaatar teil. Alle Teams waren eigenständig unterwegs, der Service wurde von Porsche und Jürgen Kern übernommen. Der Überrollkäfig zahlte sich bald für ein Team aus: Nach einem 20-Meter-Sprung landete der Cayenne unkontrolliert und überschlug sich mehrfach. Der Motor wurde herausgerissen, Fahrer und Beifahrer blieben aber unverletzt.
Porsche Cayenne S Transsyberia bei der Rallye 2007.
Am Ende dominierte der Cayenne S Transsyberia das Rennen komplett: Drei Porsche auf dem Podium. Von den ersten zehn Teams waren nur drei mit einem anderen Fahrzeug unterwegs. Porsche hatte die Robustheit, Zuverlässigkeit und Geländetauglichkeit des Cayenne eindrücklich unter Beweis gestellt.
Für die Zuverlässigkeit und Haltbarkeit spricht auch, dass 19 Teams 2008 wieder dieselben Fahrzeuge einsetzten. Einzige Neuerung war ein noch robusterer Offroad-Reifen für die langen Schotterstrecken in Russland und in der Mongolei. Der Sieg fiel noch deutlicher aus: Unter den Top 10 war lediglich das siebtplatzierte Fahrzeug kein Cayenne S Transsyberia. Der Beweis für das On- und Offroad-Potenzial des Cayenne war damit endgültig erbracht.
Der Porsche Cayenne S Transsyberia dominierte das Langstreckenrennen.
Sondermodell Cayenne GTS Transsyberia
Porsche feierte den Erfolg 2009 mit der auf 285 Exemplare limitierten zivilen Sonderserie Cayenne GTS Transsyberia. Der V8-Motor leistete 405 PS und beschleunigte eine halbe Sekunde schneller von null auf 100 als der Cayenne S. Dank Luftfederung erreichte der Wagen maximal 271 Millimeter Bodenfreiheit.
Optisch kam das Sondermodell den Rallye-Fahrzeugen durch die charakteristische Farbgebung sehr nahe. Neben den auffälligen Kombinationen schwarz/orange und kristallsilbermetallic/orange gab es auch die dezenteren Varianten schwarz/meteorgraumetallic und meteorgraumetallic/kristallsilbermetallic. Akzente in Kontrastfarbe prägten auch den Innenraum.
Cayenne GTS Transsyberia: 285 Stück baute Porsche von dem zivilen Sondermodell 2009.
Der Cayenne hatte mit den Siegen bei der harten Langstreckenrallye Transsyberia seine ernsthafte Geländekompetenz und Robustheit unter Beweis gestellt und seine Sporen verdient. Damit wandelte er sich auch in der Wahrnehmung ein Stück weit vom Stadt-SUV zum Offroad-Rennfahrzeug. Porsche unterstützte diese Entwicklung geschickt und mit wenig Aufwand durch die Hardcore-Kleinserie und das begehrte Sondermodell Cayenne GTS Transsyberia.